zu der Rezension meines Buches "Was für ein Zufall! Über Unvorhersehbarkeit, Komplexität und das Wesen der Zeit" von Dr. Tobias Kallfell (https://kallfell-rezensionen.blogspot.com/2022/11/weling-bernhard-was-fur-ein-zufall-uber.html) schrieb ich folgenden Kommentar, der aber - warum auch immer - nicht veröffentlicht werden konnte:

Vielen Dank für diese ausführliche und sehr sorgfältige Rezension. Mir ist klar, daß nicht alles, was ich in meinem Buch schreibe, überall auf Zustimmung stößt, das habe ich sowohl im Vorwort wie in den Schlußbemerkungen ausgedrückt. Ich freue mich erst einmal über Ihre Sorgfalt bei dieser Rezension und darüber, daß Sie das Buch als lesenswert, weitgehend gut verständlich (das war, auch für Nicht-Naturwissenschaftler wie Sie, mein Anliegen!) empfinden und daß es Sie bereichert hat, daß Sie dazugelernt haben.


Zu 2 Punkten möchte ich gern kommentieren:

a) zu Kapitel 2; Sie schreiben:

> "Doch ist es nicht unterschiedlich, ob das, was der eine als Zufall wahrnimmt, von einem anderen Menschen auch als Zufall wahrgenommen wird?"

Natürlich ist das so, und genau deshalb habe ich sehr viel Wert auf solche Zufälle gelegt, die unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung sind (Mutationen, Asteroiden-Einschläge, die Bildung des Mondes, Blitzeinschlag). Ich diskutiere ausführlich die These von Florian Aigner "Ohne Zufall gäbe es uns nicht, und ohne uns gäbe es keinen Zufall" (S. 43). Natürlich gibt es Zufälle, die dem einen so als Zufall erscheinen, der andere sieht das ganz anders, hat es vorhergesehen, es war gar nicht zufällig, sondern zwangsläufig (wenn er das tatsächlich VORHER gesagt hat und nicht hinterher! auch das habe ich diskutiert, mit Kahneman's Zitat).

- aber für mein Buch und meine Betrachtung entscheidend sind die Zufälle, die ganz unabhängig von uns und unserer Wahrnehmung stattfinden, von denen wir zumeist erst später erfahren.

b) zu Kapitel 7, Sie schreiben:

> "Warum geht es plötzlich um das Thema „Zeit“? Und was hat „Zeit“ mit dem Thema „Zufall“ zu tun?"

Das haben sie dann vielleicht aus Kapitel 6 (das Ihnen schwerer gefallen ist) nicht so recht mitbekommen: Letztlich verknüpfe ich die Ursachen für die Entstehung vom Komplexität mit denen für den Zufall (im Nicht-Gleichgewicht: Entropie wird exportiert, nimmt also ab, und praktisch alle Prozesse in solchen Systemen benehmen sich "nicht-linear", d.h. es gibt "An / Aus"-Vorgänge, oder bei stetigem Anstieg eines Parameters ändert plötzlich bei einem kritischen Wert ein anderer Parameter nicht mehr linear weiter, z.B. der Dichteknick im eigentlich linearen anstieg der Dichte, Grafiken S. 79 und 80, genau dort, wo auch die Leitfähigkeit plötzlich um Zehnerpotenzen ansteigt. Oder: es entsteht hier ein Ast oder nicht. Wenn nun solche nicht-linearen Vorgänge zusammentreffen, gibt es ein zufälliges Ereignis).

- Beide (Komplexität und Zufall) verbindet, daß sie in solchen systemen und nur in solchen Systemen stattfinden, in denen starker Entropiefluß vorliegt.

- Nun die Klammer zur "Zeit": nach meiner Hypothese entsteht die Zeit durch den Fluß der Entropie.

Sie schreiben weiter:

> "Welche Vorteile bringt eine solche Herangehensweise? Was bringt es uns, wenn wir uns den Themen „Zufall“ und „Zeit“ mit den Augen eines Thermodynamikers annähern?"

Es ergibt ein vollständigeres Weltbild. Wir können die Welt besser verstehen, nämlich daß 

- 1. all die Komplexität im Universum, in der Struktur und im Verhalten der Lebewesen, des Klimas, des Wetters und auch der Gesellschaft auf die Tatsache "Nicht-Gleichgewicht" und "Entropie-Export" zurückzuführen ist, und daß 

- 2. das sogar mit dem Phänomen der Zeit verknüpft ist.

- Für diejenigen, die die Welt besser verstehen wollen, kann klar werden, daß wir nicht die Quantentheorie benötigen, um den Zufall zu verstehen, und daß die Zeit keine Illusion ist, sondern ein sehr wohl existierendes, emergentes Phänomen, das man naturwissenschaftllich untersuchen kann. Ich habe in Kapitel 7 Vorschläge dazu gemacht, wie meine Hypothese bestätigt oder widerlegt werden könnte.

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